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Essstörungen als Alarmzeichen der Seele

Pressemitteilung |

Essstörungen als Alarmzeichen der Seele
Die Essstörungsambulanz am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle (Saale) setzt auf verschiedene Therapiekonzepte, unter anderem eine mehrmals in der Woche stattfindende Gruppentherapie (Quelle: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara / Marco Warmuth).
Essstörungen als Alarmzeichen der Seele
Dr. Constantin Puy ist Chefarzt und Zentrumsleiter des Zentrums für Psychosomatische und Psychische Gesundheit am Klinikstandort St. Barbara (Quelle: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara / Andrea Bergert).
Essstörungen als Alarmzeichen der Seele
Juliane Schedler, Leitende Psychologin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, gehört zu den Spezialisten der Essstörungsambulanz (Quelle: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara / Marco Warmuth).

Essstörungen in ihren verschiedenen Ausprägungen und die damit verbundenen körperlichen und seelischen Erkrankungen betreffen Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der Betroffenen seit den 1970er Jahren stetig ansteigt. Ihren Ursprung hat die Erkrankung zumeist im Kindes- und Jugendalter. Einer aktuellen Studie des Robert Koch-Institutes zufolge zeigen rund 20 Prozent der untersuchten Jugendlichen Anzeichen eines gestörten Essverhaltens. Bereits beim Übergang in das junge Erwachsenenalter leiden die Patienten unter zum Teil schwerwiegenden körperlichen, seelischen und auch sozialen Beeinträchtigungen. Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle (Saale) verfügt über langjährige Erfahrung bei der Behandlung von Essstörungen. Ab dem 29. August dieses Jahres weitet sie ihr Angebot einer Essstörungsambulanz unter anderem mit einem neuen Gruppenpsychotherapie-Angebot aus und stärkt damit das einzige ambulante Behandlungsangebot für Essstörungen in Halle und der Region.

Lena W. lebt in der Nähe von Halle und hat vor wenigen Monaten ihr Studium begonnen. Nach mehreren Jahren, in denen sie ihre teilweise gelähmte, alleinerziehende Mutter täglich gepflegt und alle eigenen Bedürfnisse zurückgestellt hat, möchte die 22-jährige nun die ersten Schritte in ihr Berufsleben machen. Freunde und Familiengehörige sprechen sie regelmäßig auf ihr Körpergewicht an. Warum sie denn so dünn sei und ob es ihr wirklich gut gehe – so lauten zumeist die Kommentare. Tatsächlich leidet Lena W. an Anorexie, im Volksmund auch Magersucht genannt. Was Außenstehende nicht wissen: Lenas Gedanken drehen sich fast den gesamten Tag über um das Essen. Jedes Lebensmittel, jede Mahlzeit wird akribisch auf den Kaloriengehalt geprüft. Manchmal verbringt die junge Frau die Abendstunden bis zur Erschöpfung auf ihrer bevorzugten Laufstrecke, die Smartwatch immer im Blick. An der Universität zählt Lena zu den besten Studentinnen ihres Fachs. Zufrieden ist sie aber weder mit ihren akademischen Leistungen noch mit ihrem Körper. Jeden Blick in den Spiegel empfindet Lena als belastend. Die bei einer Körpergröße von 1,65 Meter nur 45 kg wiegende Frau empfindet sich als zu dick und verspürt täglich den Drang, weiter abnehmen zu müssen. Von ihren Studienfreunden und deren Essgewohnheiten hält sich Lena weitgehend fern. Die regelmäßig auftretenden Schwächeanfälle und ihre Zyklusstörungen ignoriert sie.

Der geschilderte Fall steht stellvertretend für viele, zumeist weibliche Patienten mit dieser Form einer Essstörung. Dr. Constantin Puy, Chefarzt und Zentrumsleiter des Zentrums für Psychosomatische und Psychische Gesundheit am Klinikstandort St. Barbara in Halle, kennt die Schicksale aus seiner langjährigen Praxis. Er berichtet: „Neben der Anorexie gibt es eine Reihe weiterer Essstörungen, die unbedingt behandlungsbedürftig sind. Wir sprechen von einer ernstzunehmenden psychischen Erkrankung, die vor allem junge Menschen zwischen 20 und 25 Jahren betrifft. Das Risikoalter liegt in etwa zwischen 15 und 35 Jahren.“ Typischerweise würden die Betroffenen selten aus eigener Motivation heraus eine Behandlung aufsuchen, sondern werden durch die Familie, Arbeitskollegen oder ihren Hausarzt dazu gedrängt.

Eine weitere häufige Essstörung ist die Bulimie, auch als Ess-Brech-Sucht bezeichnet. Betroffene empfinden nach eigener Aussage eine „innere Leere“, die sie durch regelrechte „Fressattacken“ auszufüllen versuchen. Essen wird meist hastig und in großen Mengen zu sich genommen, bevor durch die Patienten aus Schuld- und Schamgefühl ein Erbrechen provoziert wird. Der Kreislauf des ständigen übermäßigen Essens und sich Erbrechens bringt erhebliche gesundheitliche Folgen mit sich. Die Speiseröhre und die Zähne werden in Mitleidenschaft gezogen und es können Kreislaufprobleme auftreten. Nicht selten wird die Bulimie von anderen Süchten wie dem Alkohol- und Drogenmissbrauch oder dem Drang, sich selbst zu verletzen, begleitet. Dass die Patienten auch hier weit überwiegend weiblich sind, so vermuten die Fachmediziner der Klinik, kann auch an sozialen Rollenbildern liegen. Männliche Patienten empfänden die Annahme eines medizinischen Hilfsangebotes – völlig zu Unrecht – noch mehr als Schwäche.

Dr. Constantin Puy fasst die Aufgabenstellung der Essstörungsambulanz am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara zusammen: „Wir beobachten, dass Probleme in der Kindheit oder im Elternhaus, die Unfähigkeit, Konflikte selbstständig zu lösen oder Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, das Krankheitsbild auslösen und verfestigen. Neben den schwerwiegenden körperlichen Auswirkungen zum Beispiel der Anorexie und der Bulimie legen wir unseren Fokus vor allem auf das seelische Leiden. Allen Essstörungen ist gemein, dass die Patienten einer erheblichen Gefahr ausgesetzt sind. In schweren Fällen sprechen wir von Depressionen und Selbstschädigung bis hin zu Selbsttötungsabsichten. Auch deshalb sind eine zügige und fachgerechte ambulante Beratung, Begleitung und Behandlung so wichtig.“

Dipl.-Psych. Juliane Schedler ist Leitende Psychologin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara. Sie ergänzt ein weiteres Feld, mit dem sich die Spezialisten der Essstörungsambulanz befassen: „Zusammen mit Adipositas, also mit dem krankhaften Übergewicht, treten als Ursache oder Folge häufig auch psychische Belastungen wie Depressionen, Minderwertigkeitserleben, Ängste oder Essattacken auf. Insbesondere betroffen sind Patienten mit einem BMI von deutlich mehr als 30, die nicht nur erhebliche körperliche Einschränkungen hinnehmen müssen, sondern auch sozialen Folgen wie Mobbing ausgesetzt sind. Wir erleben Adipositas-Patienten, die zwar äußerst freundlich und zuvorkommend anderen gegenüber sind, jedoch sich selbst eher wertlos fühlen und mit ständigen Schuldgefühlen zu kämpfen haben. Dann entsteht oft ein Teufelskreis, wenn das Essverhalten nicht mehr kontrollierbar wirkt oder als Trost eingesetzt wird.“ Die Aufnahme von ungesunden Nahrungsmitteln in großen Mengen und eine mangelnde Setzung von Grenzen durch das Elternhaus schon im Kindesalter sowie weitere Faktoren würden nicht nur zum krankhaften Übergewicht, sondern auch zu einer Reihe von Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörungen oder Gelenkbeschwerden führen. „Für eine ganzheitliche Behandlung kommt auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen des Adipositaszentrums an unserem Krankenhaus ins Spiel, also zum Beispiel auch Angebote der Ernährungsberatung und der Chirurgie“, so Schedler.

Ab dem 29. August 2022 ist die Essstörungsambulanz unter der Leitung von Dr. Constantin Puy für die zunehmende Nachfrage neu aufgestellt. Verschiedene Berufsgruppen wie Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, psychologische Psychotherapeuten, Psychologen und später auch Sozialarbeitende und Sporttherapeuten wirken bei der Behandlung von Patienten mit Essstörungen Hand in Hand zusammen. Die medizinischen Angebote sind ebenso vielfältig: Ärztliche Therapien und Spezialtherapien wie die Musik- und Kunsttherapie werden ergänzt durch ein niedrigschwelliges Gruppenpsychotherapie-Angebot. Bei dieser Therapieform treffen sich maximal acht Patienten unter der Anleitung der Experten zu mehreren festen Terminen in der Woche. Angelegt ist die ambulante Behandlung auf etwa sechs Monate, wobei eine fachärztliche Überweisung und körperliche Symptome einer Erkrankung vorliegen müssen. Ein Punkt ist Dr. Constantin Puy und Juliane Schedler besonders wichtig: Das Schlimmste sei, wenn Essstörungen nicht rechtzeitig behandelt würden und Patienten erst mit schweren Folgeerkrankungen in die Ambulanz kämen. Um dies zu verhindern und das Angebot in Halle und in Sachsen-Anhalt bekannter zu machen, sei man künftig verstärkt im Gespräch mit den niedergelassenen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen.

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