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Hilft fettes Essen Kindern mit Epilepsie?

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Hilft fettes Essen Kindern mit Epilepsie?
Olivenöl, Sahne, Lachs, Spinat und ein klein wenig Kartoffel - ein ketogenes Mittagessen für Lotta
Hilft fettes Essen Kindern mit Epilepsie?
Lotta schmeckts, in kurzer Zeit ist der Teller leer.
Hilft fettes Essen Kindern mit Epilepsie?
Ernährungsberaterin Melanie Müller erklärt auch den Pflegekräften, worauf sie bei den kleinen Patienten mit Keto-Diät achten müssen.

Was eher unappetitlich klingt, kann sehr schmackhaft verpackt werden, der kleinen Lotta schmeckt‘s. Auf ihrem Teller ist das Fett als Olivenöl und Sahne im Lachsspinat versteckt. Eine Erfolgsquote von 50 % bei der „Keto-Diät“ macht Mut. Die Diät wird unter anderem bei Kindern angewandt, bei denen eine Epilepsie so schwer zu behandeln ist, dass mehrere medikamentöse Therapieversuche scheitern. Kern der Ernährungsumstellung ist die Erhöhung des Fettanteils im Essen auf 65-85%. 

In unserer Kinderklinik werden pro Jahr mehr als 700 Kinder mit Epilepsie stationär behandelt. Oberärztin Dr. Steffi Patzer: „Etwa 70 % der Patienten haben glücklicherweise gute Chancen gesund zu werden. Für einige Kinder ist die Behandlung der Epilepsie aber extrem schwierig. Alle medikamentösen Therapieversuche scheitern. Manchmal werden die Kinder trotz Behandlung mit Medikamenten nicht anfallsfrei, oder sie vertragen die Medikamente schlecht. Für solche schwerkranken Patienten steht in unserer Klinik ein Team aus Schwestern, Ärzten, Küchenpersonal, Ernährungsfachkräften, Sozialdienst und Epilepsiefachassistenten zur Verfügung, das therapieschwierige Epilepsien mit einer speziellen Ernährungstherapie, der ketogenen Diät, behandelt.“

Was heißt Ketogene Diät?

Ketogene Mahlzeiten haben einen sehr hohen Fettanteil. Je nachdem, wie intensiv die ketogene Diät geführt wird, sind 12 -  20 g Kohlenhydrate über den Tag verteilt erlaubt. Das heißt, als Erwachsener müsste man 160 bis 250 g Fett essen, fast ein ganzes Stück Butter. Ein Kinderfrühstück beispielsweise besteht so aus 30 g ketogenem Brot, 20 g Butter, 30 g Leberwurst und einem schmalen Scheibchen Apfel zum Frühstück.

Normales Brot ist tabu, ebenso Kartoffeln, Reis, oder andere kohlenhydrathaltige Lebensmittel, nicht einmal in einen Apfel darf man einfach so beißen. Es muss alles genau berechnet werden. Auf Kohlenhydrate und kohlenhydrathaltige Nahrungsmittel wie Brot, Kartoffeln, Obst oder Süßigkeiten wird fast völlig verzichtet. Es ist nicht nur für die Kinder eine extreme Herausforderung, wenn Brötchen, Gummibärchen und Co. locken. Auch für die Eltern, das Pflegepersonal und die Krankenhausküche bringt die ketogene Ernährung ganz neue Herausforderungen mit sich.

Warum funktioniert die ketogene Diät?

Führt man dem Körper kaum noch Kohlenhydrate  zu, muss die Energie anders als aus Glukose gewonnen werden. Der Körper beginnt, Fette zu verbrennen und bildet sogenannte Ketonkörper als Energieträger. Er kommt in die „Ketose“. Diese Fette müssen dem Körper über die Nahrung zugeführt werden. Nach etwa 4 Tagen hat sich der Stoffwechsel umgestellt, und die Ketonkörper, als Nebenprodukt der Fettverbrennung in der Leber, sind im Urin per Teststreifen nachweisbar. 

„Bis ins letzte Detail ist der Wirkmechanismus noch nicht verstanden. Man geht aktuell davon aus, dass die Ketose die Energiebereitstellung im Gehirn verbessert, bestimmte Hirnbotenstoffe aktiviert, welche ihrerseits gegen Anfälle wirken und freie Sauerstoffradikale vermindert. Offenbar wirken Ketonkörper selbst auch gegen Anfälle“, erklärt Frau Dr. Wiederanders, die die ketogene Ernährungstherapie in unserer Klinik als Kinderneurologin leitet.

Es gibt auch genetisch verursachte Stoffwechselstörungen, die von vornherein mit ketogener Ernährung behandelt werden, weil zum Beispiel Glukose als Energielieferant nicht ausreichend gut in das Gehirn aufgenommen wird. Jedes Kind mit therapieschwieriger Epilepsie wird in unserer Klinik in Zusammenarbeit mit Genetikern und Stoffwechselspezialisten auf diese Option hin untersucht.

Melanie Müller, Diätassistentin und Ernährungstherapeutin mit Schwerpunkt „Pädiatrische Diätetik, beschreibt es so: „Man muss sich das so vorstellen, dass bei manchen Epilepsiepatienten die Glukose nicht bis in die einzelne Zelle im Gehirn kommt, die Zelle also keine Energie bekommt und so außer Takt gerät. Wird die Energie dann aber aus Fett produziert, erhalten auch die Zellen im Gehirn wieder Energie - plötzlich kann das Kind mitdenken, überlegen, kann sich besser bewegen und sich artikulieren.“

Was bewirkt die Diät in der Praxis?

Bei Lotta, die seit ein paar Tagen ketogen isst, werden die Anfälle kürzer und seltener. Ihre Mama freut sich, dass Lotta das Essen so gut annimmt und wird sich auch trauen, die Diät zu Hause fortzuführen. Die Herausforderung ist zwar groß, aber zu sehen, wie viel fröhlicher und aufgeweckter ihre Tochter nun ist, ist Grund genug, dabei zu bleiben.

Melanie Müller, die die Kinder während des stationären Aufenthaltes in unserer Klinik und später ambulant in ihrer Praxis für zertifizierte Ernährungstherapie und Ernährungsberatung in Halle (Saale) betreut, berichtet:Wir haben 24 Kinder bereits umgestellt auf ketogene Ernährung. Bei 11 Kindern sah man keinen Erfolg – sie essen wieder normal. Bei 3 Kindern konnte nach einer 1,5 – 2 Jahre langen ketogenen Diät wieder eine Normalkost eingeführt werden, ohne dass wieder Anfälle auftraten. 7 Kinder essen derzeit ketogen. 2 Kinder haben die Diät abgebrochen und wollten sie nicht durchführen. Die Erfolgsquote liegt also ungefähr bei 50%“.

Wie lange dauert die Therapie?

Je nach Ursache für die Epilepsie sind die Erfolge innerhalb von Tagen spürbar, Kinder können sogar anfallsfrei werden. Je nach Schwere der Erkrankung ist auch eine Verringerung der Anfallsintensität und –anzahl ein Gewinn an Lebensqualität. Die ketogene Ernährung ist bei manchen Patienten aufgrund des fehlerhaften Energiestoffwechsels eine dauerhafte Ernährungsform. Es gibt aber auch Epilepsien, bei denen diese Kostform nach zwei Jahren wieder beendet werden kann, ohne dass Anfälle zurückkehren.

Für wen ist die Therapie nicht geeignet?

Die Diät darf bei bestimmten Stoffwechselstörungen, Erkrankungen der Leber, der Niere oder des Herzens nicht eingesetzt werden. Auch wenn das Kind die Therapie nicht gut verträgt und sich Nebenwirkungen einstellen, wie Erbrechen, Verstopfung oder zu starke Veränderungen von Leber- und Fettwerten muss die Diät beendet werden.

Welche Herausforderung bringt die Diät mit sich?

Die Kinder fangen im Krankenhaus mit der Diät an. Vorausgegangen sind da schon umfangreiche Untersuchungen und Gespräche. Frau Müller trifft die Familien im Vorfeld, um aufzuklären, zu beraten und die Essensgewohnheiten der Kinder zu erfragen. Diese unterscheiden sich, auch wenn das Kind zum Bespiel in einem anderen Kulturkreis aufwächst. Jede Mahlzeit ist nun genau berechnet, und es gibt einen ganz genauen Essensplan. In der Regel bekommt jedes Kind pro Tag 4 Mahlzeiten mit der jeweils gleichen Kalorienzahl. So kann auch mal das Mittagessen mit dem Abendessen getauscht werden, denn der Essensplan muss auch im Kindergarten oder in der Schule eingehalten werden.

Für die Pflegekräfte auf Station heißt das, dass sie zum Beispiel das spezielle Keto-Brot, das Frau Müller regelmäßig ins Krankenhaus bringt, ganz genau für jeden Patienten abwiegen, die Einnahme der Mahlzeiten gut überwachen und Kontrollen von Blutwerten durchführen.

Es müssen engmaschige Kontrollbesuche in der Klinik erfolgen, um Blutwerte, das Wachstum der Kinder und den Erfolg der Behandlung zu kontrollieren. Auch Nebenwirkungen einer sehr hohen Fettzufuhr müssen im Auge behalten werden. Außerdem müssen den Kinder meist bestimmte Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe zusätzlich zugeführt werden, weil diese in der ketogenen Kost nicht ausreichend vorhanden sind.

Die Eltern müssen lernen zu verstehen, in welchen Nahrungsmitteln wie viel Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß enthalten sind und sie müssen kochen können. Auch das trainiert Frau Müller mit den Eltern. Das Einkaufen ist eine Herausforderung. Es fällt fast alles flach, was man an Fertiggerichten kaufen kann.
Die Ernährung wirkt sich auch auf das soziale Leben der Kinder aus, sie muss zuhause, in der Schule, dem Kindergarten, beim Besuch bei Großeltern und auch auf jeder Geburtstagsparty eingehalten werden. In der Schutzatmosphäre des Krankenhaueses funktioniert das gut. Zu Hause ist die Verführung sehr groß, gerade, wenn die anderen Familienmitglieder etwas Anderes essen.

Für die Kinder ist es oftmals aber gar nicht so schwierig. Wenn sie merken, dass es ihnen besser geht, sind sie meist gewillt das durchzustehen. Und auch die Eltern, die anfangs skeptisch sind, ob sie die Herausforderung der Diät annehmen können, meistern sie fast immer erstaunlich gut.

Beispielrezept Brot

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