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„Hör nie auf, an die Kräfte deines Kindes zu glauben"

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Marnie kam mit 540 Gramm zur Welt. Was danach folgte, ist eine Geschichte über Mut, Medizin und das stille Wunder des Lebens.

Es war Anfang Mai 2024, als Marnie das erste Mal Luft holte. Kaum halb so groß wie eine Weinflasche, kaum schwerer als ein Honigglas. 540 Gramm. 24 Schwangerschaftswochen und sechs Tage. Ein Leben, das gerade erst begonnen hatte — und sofort um sich selbst kämpfen musste.

Ihre Mutter hatte in der Schwangerschaft eine schwere Präeklampsie entwickelt, die Plazenta versorgte das Kind nicht mehr ausreichend. Die Geburt konnte nicht warten. Marnie kam auf die Welt, noch lange bevor sie dafür bereit war.

„Die initiale Versorgung lief eigentlich erstaunlich ruhig", sagt Dr. med. Oettel, Chefarzt der Neonatologie, in dessen Station Marnie die ersten Monate ihres Lebens verbringen sollte. Ein Mann, der solche Sätze mit großer Bedachtheit formuliert – denn er weiß, was danach kam –„gemessen an der Tatsache, dass sie so unreif und so klein war."

540 Gramm — und ein Herz, das mehr verbirgt als zeigt

In der Neonatologie unterscheidet man zwischen kleinen Frühgeborenen und sehr kleinen — und dann gibt es noch eine dritte Kategorie, die man als Mediziner mit besonderem Ernst ausspricht: die extrem kleinen Frühgeborenen, sogenannte ELBWI, „Extreme Low Birth Weight Infants". Kinder unter 1.000 Gramm. Marnie gehörte dazu.

Die ersten Wochen verliefen nach Plan: vorsichtige Beatmung, Surfactant-Gabe in die unreife Lunge, schrittweise Extubation, behutsamer Kostaufbau. Das Team arbeitete konzentriert, ruhig, routiniert. Gedämmtes Licht, gedämpfte Geräusche — das ist kein Zufall hier, sondern Konzept. Sanfte Neonatologie nennt sich das, ein Ansatz, den diese Station seit den frühen 1990er Jahren lebt, inspiriert vom Wiener Modell einer Kinderärztin namens Dr. Marcovich.

Doch dann begann sich etwas zu zeigen, das zunächst verborgen geblieben war: ein Herzfehler. Langsam, aber unaufhaltsam veränderte er den Verlauf. Die Lunge geriet unter Druck. Es entwickelte sich eine schwere bronchopulmonale Dysplasie — Lungen, die zu früh zu viel Sauerstoff brauchten und dabei Schaden nahmen. Dazu kamen pulmonale Hypertonie und immer schwerer werdende Druckkrisen, Momente, in denen Marnies kleiner Körper an seine äußersten Grenzen stieß.

„Wir bekamen Sorge, dass uns die Situation entgleitet"

Der Chefarzt spricht offen über diese Phase. „Wir bekamen Sorge, dass uns die Situation entgleitet." Es ist einer der Sätze, die seine Art zu kommunizieren charakterisieren: direkt, ehrlich, ohne Beschönigung — aber immer mit dem Ziel, Vertrauen zu schaffen, nicht Angst.

Was folgte, war kein geradliniger Weg, sondern ein Labyrinth aus medizinischen Entscheidungen, Verlegungen und schwierigen Gesprächen. Im August 2024 wurde Marnie erstmals ins Herzzentrum Leipzig verlegt, zur kardiologischen Einschätzung. Sie kam zurück — und die Krisen häuften sich. Erneute Verlegung in das Herzzentrum. 

Verlegung — und das Vertrauen, das blieb

Für Marnies Mutter waren die Transporte jedes Mal ein emotionaler Einschnitt. „Ich glaube, ich habe bei jedem Transport Rotz und Wasser geheult, einfach weil wieder etwas Neues passiert, neue Umgebung, neue Leute, immer noch kein normaler Alltag."

Und dennoch: Die erste Verlegung ins Herzzentrum war, wie sie sagt, „eigentlich gar nicht so schlimm". Denn die Eltern wussten, was auf sie zukommt. Das Team hatte sie vorbereitet, jeden Schritt erklärt, nichts verborgen. „Es wurde zu jeder Zeit offen und ehrlich kommuniziert. Uns wurde erklärt, wie der ganze Transport abläuft — und wir waren bei jedem Schritt dabei." Als Marnie zurück nach Halle kam, wurden sie herzlich empfangen. Als wäre sie nie weg gewesen. Es ist dieses Vertrauen, das sich durch Marnies Geschichte zieht wie ein roter Faden. Vertrauen, das nicht einfach eingefordert, sondern täglich neu erarbeitet wurde — durch Ehrlichkeit, durch Anwesenheit, durch die kleinen menschlichen Gesten, die in keinem Lehrbuch stehen.

Der Chefarzt wandte sich an mehrere spezialisierte Herzzentren in Deutschland. Zweimal kam eine Absage. Zweimal teilte man ihm mit, man könne das Kind nicht übernehmen. „Ich hatte persönlich zwei Herzzentren angeschrieben, den Fall geschildert, die Wichtigkeit einer Kombination aus neonatologischer und kinderkardiologischer Expertise unterstrichen — und zweimal wurde die Übernahme abgelehnt."

Parallel dazu taten die Eltern etwas Bemerkenswertes: Sie recherchierten selbst, nahmen Kontakt zu einer deutschlandweit renommierten Universitätsklinik auf, die sich auf pulmonale Erkrankungen bei Kindern spezialisiert hatte. „Die Hartnäckigkeit der Eltern", sagt der Chefarzt, „hat die pulmonale Situation therapeutisch entscheidend beeinflusst."

Eltern als Co-Therapeuten — mehr als ein schönes Wort

In der Frühchenstation von Dr. Oettel gibt es keine Besuchszeiten. Eltern sind jederzeit willkommen. Das ist keine Geste der Großzügigkeit, sondern ein medizinisches Prinzip. „Eltern sind zunächst Beobachter, dann Beteiligte — und schließlich die ganz wesentlichen Co-Therapeuten", sagt der Chefarzt. Kein guter Verlauf, kein gutes Behandlungsergebnis ohne ihre Präsenz. Die Psychologin der Station geht aktiv auf Familien zu. Seelsorge ist auf Wunsch jederzeit da. Und oft, sagt der Chefarzt, reichen auch ein paar aufmunternde Worte über einen kleinen Fortschritt — ein gewonnenes Gramm, ein Atemzug weniger Unterstützung.

Marnies Mutter bestätigt das aus eigener Erfahrung — und gibt es weiter, an alle Eltern, die vielleicht gerade selbst am Anfang eines solchen Weges stehen: „Vertraut auf die Ärzte und Schwestern — aber es ist nicht verkehrt, sich auch anderweitig zu informieren. Fragen stellen, sich alles erklären lassen, ist das A und O."

Ein Team von fünfzig Menschen — und der Wert des Persönlichen

Etwa 50 Menschen arbeiten auf dieser Neonatologie: vier Fachärzte im Rufdienst, sieben Assistenzärzte, 35 bis 40 Pflegefachkräfte, dazu Physiotherapeuten, Logopäden, eine Psychologin, Seelsorge. Acht Besprechungen pro Woche. Und die Visite als verbindendes Ritual, das alle Professionen zusammenbringt.

„Klein aber fein", sagt der Chefarzt — und meint das als Programm, nicht als Entschuldigung. Er ist skeptisch gegenüber dem politischen Trend zu immer größeren Einheiten, gesteuert mehr von Betriebswirtschaft als von Berufung. „Dem einzelnen Kind ist das herzlich egal. Es braucht Zuwendung und Fürsorge."

Was braucht ein Mensch, um in der Neonatologie zu arbeiten? Er überlegt einen Moment. Dann: „Empathie, Begeisterung, Feingefühl, Geduld. Und die Erkenntnis, dass Eltern ihr oft lange ersehntes Kind eben gerade nicht auf einer Intensivstation haben wollten."

Auf dieser Station wird gelacht. Es wird gefeiert. Das Team unternimmt gemeinsam etwas. Und dennoch ist die Ernsthaftigkeit immer da. Beides schließt sich nicht aus. Es gehört zusammen.

 

Der schwerste Tag für Marnies Eltern

Es gibt Gespräche, die man nicht vergisst. Marnies Mutter erinnert sich genau an jenen Tag nach der ersten großen Krise im Herzzentrum Leipzig. Man bat die Eltern in ein Besprechungszimmer — der Kardiologe war da, die Sozialarbeiterin, noch eine weitere Ärztin. „Alle waren sehr ruhig und bedrückt. Wir hatten sofort ein ungutes Gefühl."

Ihnen wurde erklärt, was während der Krise passiert war. Dass es Glück gewesen sei, dass so schnell reagiert werden konnte. Dass Marnies Krankheitsbild so komplex sei, dass es keinen vergleichbaren Fall gebe, keinen eindeutigen Fahrplan. Und dann folgte das, was die Mutter als „das Schlimmste an diesem Tag" beschreibt: die Frage, wie weit die Eltern gehen wollen. Ob sie für Marnie, sollte wieder eine solche Krise auftreten, eine Wiederbelebung wünschten. Was bei einer Herzdruckmassage passieren kann. Was es bedeutet, wenn das Gehirn zu lange ohne Sauerstoff ist.

„Wir wussten nicht, was wir sagen sollen. Wir saßen beide einfach nur auf der Couch und haben still geweint."

Die Ärzte verließen den Raum mit den Worten: „Bitte denken Sie darüber nach." Die Sozialarbeiterin blieb noch kurz — und ging dann ebenfalls. „Ich weiß nicht mehr, wie lang wir dort gesessen haben."

Danach gingen sie zu Marnie. Schauten sie einfach an. Das Kind, das zu diesem Zeitpunkt mit Medikamenten ruhiggestellt wurde, um Stress zu vermeiden, beatmet mit CPAP und Highflow-Sauerstoff. „Ich glaube, wir konnten das Gespräch nicht so ganz mit unserer Tochter in Verbindung bringen. Dass wir an dem Punkt stehen, entscheiden zu müssen, ob wir sie sterben lassen — oder womöglich ein herzkrankes und vielleicht geistig behindertes Kind haben."

Abends kehrten sie ins Ronald-McDonald-Haus zurück, in das sie während Marnies Aufenthalt in Leipzig gezogen waren. Andere Eltern empfingen sie, versuchten zu trösten, sprachen Mut zu. Die Eltern der Mutter kamen spontan. Freunde meldeten sich. Aber die größte Stütze, sagt sie, war ihr Partner — und umgekehrt. „Wir waren zu jeder Zeit zusammen und haben das zusammen durchgestanden."

Und dann war da noch etwas, das die schweren Wochen erträglicher machte: die Schwestern auf der Station. Ein enger Kreis von Pflegefachkräften, die Marnie kannten wie kaum jemand sonst. Die morgens manchmal ein Foto auf dem Bett hinterließen, das die Nachtschicht kuschelnd mit Marnie zeigte. Die eine Fotoserie wie einen Comic anfertigten, weil Marnie abends nicht schlafen wollte. „Solche Aufmerksamkeiten und persönlichen Momente, die einfach für uns festgehalten wurden — die haben es erträglich gemacht."

Und dann sagt sie noch etwas, das man so nicht erwartet: „Ich glaube, mit einem Frühchen fühlt und erlebt man vieles viel intensiver. Es ist einfach noch ein Ticken schöner, wenn das Kind das erste Mal lächelt. Wenn es die erste Kleidung trägt — die trotz Mini-Mini-Mini-Größe noch viel zu schlabberig am kleinen Körper hängt. Man freut sich über jedes Gramm auf der Waage und jeden Atemzug ohne Unterstützung."

Fast ein Jahr später: ein kleines Wunder kommt nach Hause

Anfang 2025 — fast ein Jahr nach Marnies Geburt — meldeten sich die Eltern bei Dr. Oettel: Marnie war aus der Rehaklinik in Hohenstücken entlassen worden. Sie war zu Hause.

Wenige Wochen später saßen sie in der Frühgeborenen-Nachsorge-Sprechstunde in Halle — jener Ambulanz, in der ehemalige Frühchen und ihre Familien noch jahrelang begleitet werden. „Ein kleines Wunder", sagt der Chefarzt. Und dann, nach einer kurzen Pause: „Und Eltern mit glücklichen Gesichtern."

Grußkarten zu Weihnachten, zu Ostern. Eine Einladung zum Frühchenfest. Der Kontakt ist nicht abgerissen — und soll es auch nicht.

Marnies Mutter fasst es so zusammen: „Trotz schwerem Start würde ich persönlich auch wieder in Halle entbinden, sollten wir uns dazu entscheiden, noch ein Kind zu bekommen. Ich habe mich dort als Frühchen-Mama sehr gut aufgehoben gefühlt. Auch für Marnie war es der beste Start — mit Ärzten und Schwestern, die sehr viel Herzblut in ihre Arbeit stecken."

Und was würde sie anderen Eltern sagen, die gerade erfahren haben, dass ihr Kind zu früh kommt? „Es ist nicht das Ende der Welt. Dank der Level-1-Zentren wie der Neo in Halle wird dem Mäuschen ein so-gut-wie-es-geht-Start ins Leben geboten." Und dann, mit einem Lächeln, das man durch die Worte spürt: „Die Frühchen machen sowieso ihr eigenes Ding — die kleinen Wundertüten."

Der Chefarzt würde das wohl so unterschreiben. Seine Botschaft an alle Eltern, die am Anfang eines solchen Weges stehen, lautet schlicht: „Hören Sie nie auf, an die Kräfte Ihres Kindes zu glauben."

Marnie hat das bewiesen.

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